Ein Ring und seine unglaublich aber wahre Geschichte

Gemeinde Oberthal

An einem vollkommen normalen Mittwochabend um 20:22 Uhr im beschaulichen Güdesweiler an der Gombach, einem kleinen Dorf im Norden des Saarlandes. Der Ortsvorsteher saß

 

gemütlich an jenem 9. Januar des neuen Jahres vor seinem Rechner und verfolgte das Geschehen des Tages auf Facebook. 

 

Was war heute so alles los? Die Bundesminister legten sich mächtig ins Zeug. Während Hubertus Heil die Zahl 13 im Sozialgesetzbuch künftig vermeiden will, plant Jens Spahn jeder Frau im Lande das Leben zu erleichtern und schlägt vor, dass Fettabsaugen zukünftig von der Kasse getragen wird. Der Entwicklungshilfeminister sitzt derweil im Dschungel fest, weil mal wieder ein Jet der Flugbereitschaft streikt und Horst Seehofer tut kund, dass er bereits seit den 80er Jahren des letzten Jahrtausend online ist.

 

Wie gesagt, ein stinknormaler Tag. Bis, ja bis dem jungen Ortsvorsteher plötzlich wieder einfällt, das ein Ring bei ihm abgegeben wurde. Ein Ring mit der Gravur »Marc 9.5.1998«, wahrscheinlich ein Ehering, eventuell der einer Frau, denn im Ring eingefasst wurde ein kleiner funkelnder Stein. Gefunden wurde der Ring von einem sorgsamen Bürger des kleinen Ortes am Rande des Hochwaldes, in einer Lieferung Mutterbodens, der vorgesehen war, die Geranien vor dem unweigerlichen Hängen zu bewahren.

 

Wie der Ring in diese Lieferung kam ist unklar. Fest steht jedoch, dass der Mutterboden aus dem benachbarten Hofeld stammt, einem ebenso beschaulichen Örtchen, keine fünf Kilometer entfernt. Aber nun war er halt eben da, der eine Ring, der noch für allerlei Aufsehen sorgen sollte. Das Fundbüro wurde bereits unterrichtet, das Standesamt befragt, aber wie bitte schön, sollte der Besitzer gefunden werde?

 

Und da kommt Facebook ins Spiel. Recht schnell und unkompliziert lassen sich hier Ereignisse teilen und mit ein wenig Glück auch der Besitzer ermitteln. Jedenfalls ist es ein Versuch allemal wert. Also schnell noch ein Foto gemacht und der Hinweis, dass der Beitrag gerne geteilt werden darf und schon wurde das Notwendige getan. Nun geht die Pflicht eines Ortsbürgermeister schon etwas weiter, ergo schaltete man das offizielle Portal des Ortes dafür ein. Und so ging die Meldung über die Fan-Page Güdesweiler viral.

 

Nun möge man annehmen, dass diese Seite, wie auch die aller anderen kleiner Dörfer, maximal die eigene Bevölkerung interessiert, was in diesem Fall mal eben rund 350 Bürger, quasi ein Viertel der Dorfbewohner sein dürfte. Vielleicht auch noch das nahe Umfeld der Großgemeinde und im besten Falle noch den Landkreis. Dass aber keine 36 Stunden später in Red Springs im Bundesstaat North Carolina oder Mullagh im Norden Irlands, das Ereignis geteilt wird, hält man in der Regel für höchst unwahrscheinlich. 

 

Aber die Ereignisse überschlugen sich. Die ersten Besucher goutierten den Fund noch mit dem süffisanten Kommentaren, wie einmal bei Sauron nachzufragen, immerhin ist dieser ja bekanntlich schon seit vielen Jahren auf der Suche nach dem Einen Ring. Wie aber sollte der Ring von Mittelerde ins Saarland kommen? Wo wir doch alle wissen, dass Gandalf der Weiße, Frodo nach Mordor schickte und nicht nach Moßberg, geschweige denn Hofeld.

 

Näherliegend wäre die Theorie, dass es sich um den Ring der Nibelungen handeln könne, denn immerhin wurde dieser Schatz bis heute nicht gefunden. 

Zwar ist auch Siegfried ein noch immer beliebter Name, auch hier im Saarland, dass aber Hagen von Tronje den Helden der deutschesten aller deutschen Sagen, ausgerechnet an der Gombach gemeuchelt hat, ist eher unwahrscheinlich. 

 

Wer hat diesen Ring verloren???? Oder kennt jemand, den jemanden kennt, der wiederrum erkennt wem der Ring gehört?
Wer hat diesen Ring verloren???? Oder kennt jemand, den jemanden kennt, der wiederrum erkennt wem der Ring gehört?

 

Keine Frage, auch hier in ländlichen Gefilden gab es schon immer diverse Dramen, aber äußerst selten verbunden mit sieben Morden, einem Helden durch Inzest gezeugt und zuletzt noch der Freitod einer Liebenden, zelebriert in einem Flammenmeer und untergehend in einer gewaltigen Flut. Wenn auch Güdesweiler über eine Deiwelskanzel verfügt, so ist selbst die Gombach, als fliesendes Gewässer microgigantischem Ausmaßes, einfach nicht mystisch genug. 

 

Diametral dazu verhielt sich aber die virale Wirkung des Postings. Rasend schnell verfolgten immer mehr User die Entwicklung der Geschichte. Ein weiterer Leser fabulierte, der Mutterboden könnte doch von einem ehemaligen Friedhof stammen, was dem Namen Mutterboden eine vollkommen neue Bedeutung gäbe, denn es könnte sich doch um eine zersetzte Urne handeln. Die Kommunikation wurde irgendwie immer skurriler.

 

Die Besucherzahlen hingehen schossen in ungeahnte Höhen. Am darauffolgenden Freitag dann, um 13:15 wurde die 10.000er Hürde geknackt. Für all diejenigen, denen die Rezepturen eines Sozialen Netzwerkes weniger bekannt sind, es geht darum einen Beitrag zu erstellen und mit seinen Freunden zu teilen. Diese können dann ignorieren oder kommentieren und bei Interesse auch die eigenen Freunde darüber informieren. So kann man mit wenigen Klicks extrem viele Menschen erreichen, die Aufmerksamkeit steigern und die ganz pfiffigen unter uns Betschwestern schlagen daraus auch Kapital.

 

Nun, knapp 14 Tage später an einem Sonntagnachmittag, draußen klirrt die Kälte bei herrlichem Sonnenschein, mag man es nicht fassen. Aktuell wurde dieser Beitrag, dessen Gehalt irgendwo zwischen einem tillenden Flipper im Gasthaus zum tänzelnden Pony und einem umgefallenen Reissack in China tendiert, über 50.000 mal geteilt. Die Hallpeter Monika aus Bliesmengen-Bolchen war ebenso dabei, wie Karl-August Stiefelbrück aus Halle in Westfallen, wie auch ein User aus Bonn, der zudem noch den Beitrag in seiner Rhein-Sieg-Gruppe mit weiteren 43.000 Abonnenten teilte. Bakersfield in Kalifornien ist ebenso darüber informiert, wie auch Lappeenranta am Finnischen Meerbusen.

 

Bislang konnten jedoch noch keine neuen Erkenntnisse gewonnen werden. Marc‘s Gattin, die wohl am 9. Mai 1998 diesen Ring in irgendeiner Form erhalten hat, konnte bislang - noch - nicht ausfindig gemacht werden. Ob sie jemals ausfindig gemacht werden kann, bleibt ebenso ungewiss, wie der Beweis der String Theorie. Diverse unterforderte User haben bereits darüber nachgedacht eine Bewegung zu gründen und haben bereits beim Innenminister höchstselbst um Mithilfe gebeten. Und da dieser ja bekanntlich am längsten online ist, sind positive Ergebnisse vielversprechend. Bleibt nur noch abzuwarten ob die Gattin wirklich gefunden werden möchte.

 

Derweil genießt das kleine Örtchen Güdesweiler jene, von Andy Warholl prognostizierten, »15 minutes of Fame«, eine in der Popkultur äußerst beliebte Aufmerksamkeit, die ausnahmslos jedem zuteil werden sollte. Über 1,5 Millionen Menschen kennen nun die Perle am Leistberg und es bleibt abzuwarten, ob sich das plötzliche Interesse auch in den Übernachtungszahlen niederschlägt.

 

 

Eins dürfte hingegen sicher sein. Es gab nur einen Ring, der im Stande war, sie alle zu knechten, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden und wenn wir den Hype hier bewerten, dann sollten wir noch einmal seriös nachforschen, ob sich Frodo nicht doch in Moßberg verlaufen hat.

 

Text: Alex Scheid

 

Hier gehts zum Link:

 

https://www.facebook.com/ovguedesweiler/

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Güdesweiler (Dienstag, 22 Januar 2019 14:30)

    Vielen Dank für diesen tollen Bericht über einen kleinen Post bei Facebook!
    Der Aktuelle Stand des Post's 22.01.2019 - 14:30 Uhr:
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    432.683 - Interaktionen
    50.118 Mal geteilt
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    218 meist nicht ernst zu nehmende Kommentare

    Und am wichtigsten... der/die Besitzer/in wurde bisher noch nicht gefunden!

  • #2

    Hilli (Freitag, 25 Januar 2019 17:01)

    Toll geschrieben