Lokale Erzählungen - die vergangenen 500 Jahre in der Gemeinde Oberthal

Gemeinde Oberthal

,,Oberthal liegt im Herzen des Landkreises St.Wendel und das strahlt in alle Richtungen aus", sagte Udo Recktenwald bei der Vorstellung des Projektes ,,Lokale Erzählung St. Wendeler Land 5 x 100 im Oberthaler Rathaus am

 

vergangenen Dienstagabend. Die Neuzeit, die vergangenen 500 Jahre, haben das Hier und Heute entscheidend geprägt. Einen ersten, einfachen Überblick der historischen Prozesse der vergangenen fünf Jahrhunderte und ihren Auswirkungen auf die Region, auf die Gemeinden in ihrer heutigen Form, gab Matthias Hans aus Oberthal, Lehrer am Cusanusgymnasium, Historiker und Latinist, sowie Mitglied im Oberthaler Verein für Geschichte und Heimatkunde. Konzipiert von ihm in Zusammenarbeit mit Werner Rauber und den Mitgliedern des Vereins. 

 

Denn zu jeder Gemeinde des Landkreises St. Wendel entsteht ein Flyer, der, in 100-Jahr-Schritten unterteilt, die Geschichte der Gemeinden, besondere regionale Ereignisse, Landmarken und Persönlichkeiten sowie überregionale Entwicklungen vorstellt. Aber was hat die Geschichte mit Heimat zu tun? Geschichte berührt dann, wenn sie einen selbst betrifft, wenn man merkt, dass sie was mit der eigenen Heimat zu tun hat.

 

,,Es ist wichtig zu wissen, wo man herkommt und wo wir hinwollen. Es ist ein WIR-Gefühl, eine Emotion", sagte Landrat Udo Recktenwald. Und genau ein solches Projekt trägt dazu bei. Hier arbeitet Oberthal intensiv mit der KULANI zusammen. Es ist wichtig unsere Dörfer zu unterstützen, damit die Zusammengehörigkeit gestärkt wird und man sich mit dem Heimatland verbunden fühlt. Und Bürgermeister Stephan Rausch fügt noch etwas wichtiges hinzu: ,,Der Geschichts- und Heimatverein Oberthal ist wichtiger denn je, denn wenn es diesen Verein nicht gäbe, gäbe es auch solche Projekte nicht wie heute abend". 

 

 

Während Werner Feldkamp (KuLani) auf die Erzählung 5 X 500 in Europa zurückgreift, speziell auf die Entstehungsgeschichte des St.Wendeler Landes eingeht, beleuchtet Matthias Hans die Entstehungsgeschichte der Gemeinde Oberthal näher. Schon vor über 2000 Jahren siedelten Kelten und Römer auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Oberthal.

 

Dies beweisen etwa der keltische Ringwall auf dem Momberg und die gallorömische Siedlung im Wareswald. Orte bei uns mit der Endung ,,-weiler" gehen auf die Gründung ( 6. bis 8. Jahrhundert ) zurück. Dazu gehören Humweiler, Güdesweiler oder Imweiler. Der Rest ist 11. - 12. Jahrhundert. In unseren Dörfern lebten um 1500 etwa 300 Menschen in einfachen Häusern aus Holz, Lehm und Stroh. Sie waren Hirten oder Handwerker. 

 

 

Folgenreiche Umbrüche läuten die Neuzeit ein. Renaissance und Humanismus verändern Kunst und Menschheit. Die Reformation um Martin Luther hat auch Folgen für unsere Gemeinde. Während Linden, Osenbach, Imweiler, Gronig, Humweiler und Güdesweiler katholisch bleiben, werden die Einwohner von Steinberg-Deckenhardt zunächst Lutheraner, also evangelisch geprägt, sozusagen Reformierte. Sie gehören nun zu der Landesherrschaft Pfalz-Zweibrücken.

 

Einwohnerzahlen steigen, verbesserte Lebenssituation in den Dörfern etwa durch wasserbetriebene Mühlen, Abbau und Handel mit Rötel, wobei auch Funde im Wareswald zeigen, dass auch die Römer schon den Rötel genutzt hatten. Im 17. Jahrhundert herrschten Kriege, Not und Zerstörung. Die Dörfer in der Gemeinde Oberthal werden zum Spielball der Kriegsparteien.

 

Durchziehende Soldaten mussten einquartiert werden und zudem morden und  rauben umherstreifende Söldnerbanden. Dabei wurde im Jahre 1814, Hans-Jakob Scheid ermordet als er seine Liebste, die Rötelkrämer Tochter Annette Schaal vor den Zugriffen der Kosaken retten wollte. 

 

Zudem wurde 1761 - 1764 neben dem guten Brunnen in Güdesweiler eine Kapelle gebaut, der Legende nach von Johannes Nonninger, der damit sich inneren Frieden erhofft, weil er Schuld hatte am Tode eines Menschen.

 

 

Pest und Hungersnot plagen die Menschen und kosten einen Großteil der Bewohner in Oberthal das Leben. Nach dem Dreißigjährigen Krieg, bei dem Oberthal nach Anspruchserhebungen von Frankreich, französisch wird, kommt Oberthal nach 1697 wieder zu Lothringen und Pfalz-Zweibrücken. Entvölkerung weiter Landstriche sind zu verzeichnen und Zerstörung. Und jetzt wandern aus Frankreich die Hugenotten ein. Weitere Einwanderungen gibt es aus Sachsen, dem Harz, Tirol und Böhmen in Teilen unserer Gemeinde.

 

Um 1720 leben ca. 250 Menschen wieder in Oberthal. Im 18. Jahrhundert leben dann um die 600 Menschen hier. Eine Besonderheit in Oberthal ist der Abbau von Bodenschätzen, der als zusätzliche Einkommensquelle neben Handwerk und Landwirtschaft dient. Vorkommen von Kupfererz und Feldspat als Rohstoff für die Porzellanmanufaktur in Ottweiler seit 1791. Nach wechselnden Landesherren und der französischen Revolution geht es ins 19. Jahrhundert unter der Herrschaft Napolions und dem darauffolgenden Wiener Kongress, wonach es zur Neuordnung von Europa kommt. 

 

Und das hat auch Folgen für Oberthal, denn schon wieder fällt Steinberg und Decckenhardt an ein anderes Fürstentum. Die Bevölkerung wächst rasant: waren es um 1800 noch 1000 Bewohner, sind es um 1900 schon 2800 Menschen. 1885 eröffnet die erste Poststelle in Oberthal, 1896 entstehen Telefonverbindungen nach Bliesen und St.Wendel. Die Bevölkerung wächst auf 2500 Einwohner. Viele Vereine werden gegründet. 

 

 

Im 20. Jahrhundert, nach dem ersten und zweiten Weltkrieg und der Abstimmung der Bevölkerung für das zehnte Bundesland Saarland zur Bundesrepublik Deutschland, gibt es 1974 eine Gebiets- und Gemeindereform. Nach zähem Kampf der örtlichen Bevölkerung und den Kommunalpolitiker entsteht die Gemeinde Oberthal mit ihren vier Orten. Ursprünglich sollten Bliesen und Selbach mit zur Gemeinde. Doch die sträubten sich mit aller Macht. Bliesen wird städtisch und Selbach nohfeldisch. 

 

Daraufhin entwirft die Regierung des Saarlandes einen Gesetzesvorschlag, in dem die Orte Gronig, Güdesweiler und Oberthal in die Kreisstadt einbezogen werden sollten, Steinberg-Deckenhardt wie der Teufel so will, soll an Nohfelden fallen. Das kam gar nicht gut bei der Bevölkerung an. Sie schließen sich zusammen mit den Bürgermeistern zu einer Bürgerinitiative und sammeln Unterschriften, demonstrieren dagegen.

 

Mit Erfolg, Die Gemeinde Oberthal besteht mit ihren vier Ortsteilen bis heute so wie es die Bürger vor über 45 Jahren wollten. Und wer jetzt noch nicht genug hat, der möge sich doch den Flyer im Rathaus besorgen, indem alles und noch mehr aufgeschrieben steht.

 

Der Flyer entstand als Teil des Bildungsprogramms auf der Grundlage des Kulturprogrammes der KulturLandschaftsinitiative St.Wendeler Land in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Oberthal, dem Geschichts- und Heimatverein Oberthal mit Werner Rauber, Hermann Scheid, Franz-Josef Mörsdorf, Kurt Müller, Hubert Bier, Günter Haab, Norbert Richter, Ilona und Hubert Jung, Matthias Hans und anderen. 

 

Hier auf dem Bild zu sehen, die 1923 erbaute Drahtseilbahn vom Bruch in Güdesweiler, die über 1 km bis nach Oberthal über den Scheuerberg lief zum Mahlwerk. Zum Schutz vor herabfallenden Material wurden über dem Scheuerberg eine Art Netze mit Gerüst angebracht, wie Werner Rauber sich noch erinnert. Als dann später die Wohngebiete erweitert wurden, die Straße ,,Zur Baumschule", entstand, entschloss man sich Im Jahre 1966 die Seilbahn wieder abzubauen.

 

Und hier noch das Oberthal-Quiz vom VfGH. Wie gut kennt ihr eure Heimat?

 

1. Welcher Ortsteil der Gemeinde wurde mit der Reformation als Teil von Pfalz-Zweibrücken lutherisch?

2. Wer baute der Legende nach die Güdesweiler Kapelle?

3. Wer wurde beim Versuch seine Verlobte zu schützen von napoleonischen Kosaken ermordet?

4. Welches Gewerbe führte viele Oberthaler und Groniger bis ans Mittelmeer und zum Atlantik?

5. Welches im gesamten Saargebiet und in der Westpfalz bekannte Kaufhaus begründete ab 1905 den Aufstieg des Oberthaler Gewerbes mit?

6. Welches Infrastrukturprojekt sichert in Zukunft die rasanten Veränderungen und Herausforderungen der modernen Arbeits- und Lebenswelt in der Gemeinde Oberthal mit?

Fast alle Antworten sind im Text zu finden.....zu gewinnen gibt es hier nichts........außer vielleicht neue geschichtliche Erkenntnisse.....

 

 

Linkes Bild: Die Nachkommen der Rötelkrämer von Oberthal und Gronig: Axel Haab, 1. Vorsitzender HGV und Kurt Nofts, Anführer der AH Fussballmannschaft.

 

Rechtes Bild: Die Vorfahren der beiden vom 1. Bild. Eine Rötelkrämer-Familie unterwegs zum Atlantik.

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Kommentare: 1
  • #1

    Werner Rauber (Freitag, 12 April 2019 15:59)

    Hallo Isabelle, vielen Dank für Deinen sehr ausführlichen Bericht. Doch ein Fehler von mir soll hiermit korrigiert werden - Die Seilbahn über den Scheuerberger Weg verlief doch ein Stück unterhalb der "Baumschule", so, dass das nicht der Grund für die Demontage war sonder, das Baugebiet unterhalb der "Baumschule" Insbesondere der "Buchenweg". Sorry Fehler von mir ! Aber der Transport mit LKWs war auch kostengünstiger.
    mit freundlichem Gruß
    Werner Rauber