Ein Lovely Evening mit Elmar Federkeil & The Rooks feat. Donniele Graves in Oberthal

Gemeinde Oberthal

Am gestrigen Abend war es endlich so weit. Hatte doch das miese Wetter der ersten Auflage einen nassen Strich durch die Rechnung gemacht, so fanden Veranstalter und Künstler doch noch einen neuen Termin. Und so kam die Gemeinde Oberthal in den Genuss, 

 

 

Elmar Federkeil’s Formation »The Rooks« zu lauschen. Es wurde ein inspirierender Abend.

Ein Oberthaler Bub, aufgewachsen und sozialisiert im Norden des Dorfes, Imweiler, Bahnhofstraße em Egge, verlässt die behäbige Heimat und startet den Versuch die große weite Welt zu erobern. In der Hand nichts weiter als zwei Sticks aus Hainbuche. Dass er sie wohl möglich im Oberthaler Bruch selbst geschlagen und in Form gedängelt hat, gehört wahrscheinlich ins Reich der Phantasie, dass er aber schon immer gewusst hat, die Schlägel optimal in Szene zu setzen, wie er uns heute eindrucksvoll demonstriert hat.

Elmar, zweiter Spross aus dem Hause Federkeil spürte früh den Beat im Blut, das diametrale Zucken der Füße, mit dem rechten Huf die Bassdrum zu kontrollieren, während das Linke die Hi-Hat im Rhythmus hält. Dann wären da noch zwei Hände, die ebenfalls nie wirklich koordiniert zusammenarbeiten. Das wäre auch zu einfach. Synchron auf ein Becken und die Snare einzudreschen würde wohl wie das Hornbacher Schießen enden, als anno 1564 der Herzog von Würtenberg erwartet wurde, das Empfangskomitee jedoch bereits sämtliches Pulver verschossen hatte, weil der Ausguck in den aufziehenden Staubwolken nie zu unterscheiden wusste, ob es sich um eine Postkutsche, eine Rinderherde oder den Herzog handelte.

 

Nein, Elmar wusste, dass der Weg zum Ruhm nur beschritten werden kann, wenn er lernt mit allen vier Gliedmaßen einzigartiges zu leisten. So übte er wie ein wilder Stier um in den exklusiven Kreis der Schlagwerker von Weltruhm aufgenommen zu werden. Heute Abend kehrte er zurück um uns zu verzücken. Seiner Gemeinde, seinem Ort und allen die ihn kennen, ggf. heut kennenlernen mochten, zu beweisen, dass sich alle Mühe von Anfang an gelohnt hat. 

 

Wie ein verlorener Sohn oder der Onkel aus Amerika, kehrte er zurück. Zu den Roots, den Wurzeln und nicht zu deren Übel. Sein Spiel auf einem bescheidenen Set, sparsam konzipiert mit kleiner Bassdrum, vielleicht 16 Zoll im Durchmesser wirkt geradezu minimalistisch. Von Schlagzeugern deren Bands ihren Namen tragen, ist man normalerweise gewöhnt, dass sie eine Schießbude aufbauen, die locker die halbe Bühne beschlagnahmen, so dass die Sidemens sich stetig auf die Füße treten, nur um auch einen Platz an der Sonne zu erhaschen.

Bedächtig, nahezu unauffällig platzierte er sich seitlich, das Geschehen immer gut im Auge, sowohl auf, als auch vor der Bühne. Denn nur so kann er die Führung übernehmen, was wohl die zentrale Aufgabe eines Schlagzeugers in einer Band ist. Kontrolle. Über das Tempo, über die Dynamik. Er gibt ab und gibt zu. Mal sanftes Trommeln im Off, mal leichtes surren im Back. Immer im Flow, auf der Suche nach dem Wind und vor allem woher er weht, gibt er den Reiseführer.

 

Und so folgten ihm an diesem Abend drei weitere wunderbare Musiker von weit her. Mainz, bekannt weil es singt und lacht, stellte den Bass in Form eines mächtigen jungen Mannes, der sogleich an Michael Oher erinnert, jenen Footballstar aus den USA, der immer bestrebt war irgendjemanden zu schützen. Blind Side hieß der autobiographische Blockbuster mit Sandra Bullock. Jener Michael war eine imposante Erscheinung, dessen Aufgabe es war den Quaterback vor Angriffen auf seiner blinden Seite zu schützen.

 

Nun muss der Spielmacher von Elm F. & the Rooks nicht wirklich geschützt werden, zumindest nicht vor Angriffen, aber ein blindes Verständnis zwischen Bassisten und Drummer gehört wohl zur Grundlage einer geilen Band. Sie formen den Teppich, geben ihm die Struktur, das Muster, mit welchem die anderen Bandmitglieder, seien es nun Gitarristen, Keyboarder oder Sänger, respektive Sängerinnen sorgenfrei arbeiten können.

Dabei arbeitete Andrew Lauer nicht nur grundsolide und In-Time, er sorgte zudem immer wieder für überraschende Wendungen, wenn er die dicken Drahtseile zupfte. Er will nicht nur funktionieren, er will auch agieren. Und so stand er mittig im Feld, unbeeindruckt interagierend, riesig manifestiert, als posiere er für ein Gemälde von Vincent van Gogh. Aber als Expressionist ohne Selbstzweifel. Setzte er zudem noch zum Gesang ein, verwandelte sich das Podium in eine Kathedrale. So als würde Zarastro in Mozart‘s Zauberflöte dem Geschehen Einhalt gebieten.

 

In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht. Wozu auch, wer gesegnet ist den tiefen Bass von der siebten Sohle aus in die Welt zu tragen, der weiß einfach wie man Herzen gewinnt. Als würde Barry White oder Lou Rawls wieder geboren werden.

 

 

Pianisten und Keyboarder nehmen ja gerne Platz vor ihrem Instrument, genießen den Aspekt ein Tasteninstrument selten selber anschleppen zu müssen, bewahren stets die Ruhe und untermalen das Geschehen. Kai Werth reiste auch weit, aus Ansbach kommt er, der mittelfränkischen Residenzstadt nahe Nürnberg.

 

Er aber stellt sich seinem Publikum im wahrsten Sinne des Wortes. Das Fender Rhodes Keyboard leicht nach vorne geneigt, um seinem Spiel den notwendigen Ausdruck zu verleihen, gibt er den Vulkan in der Band. Immer nur kurz vor dem Ausbruch, stets in jenem Moment wenn der Song etwas geatmet hat, sticht er mit dem Rhodes hervor. Allein dieses Instrument hat was erhabenes. Klingt ein wenig wie ein Vibraphone, genau genommen lassen zwei aufeinander abgestimmte Tremolo-Effekte eine asymmetrische Stimmgabel erklingen, die sich anhören, als würde eine ganze Orgel in Schwingung versetzt.

Und so wumt sich Kai durch die Arrangements, setzt graduell Akzente, wenn er dem Dreiklang noch ne verminderte Quinte hinzufügt. Die Blue Note. Der Leidensfaktor der Bluesmusik, die gelebte Entharmonisierung im Jazz, denn diese Note verbindet, entreißt, ja spaltet gar die Musik, nur um zu artikulieren, dass hier zusammen kommt, was zusammen gehört. Nicht die Reinheit und das Geschliffene bestimmen die Musik, das Unerwartete wird hier zum wahren Hörerlebnis.

 

Davon lebt die Musik, jedenfalls die, die Elmar und seine Jungs in der Regel spielen. Natürlich covern sie, warum auch nicht. Die Klassik besteht nur daraus. Der Unterschied hingegen ist aber, dass Beethoven‘s Neunte seit Generationen stets gleich interpretiert wird, lediglich im Tempo variiert, was schon als Interpretation gefeiert wird, während Musiker, die Blues und Jazz verinnerlicht haben, großen Wert darauf legen, nie zu klingen wie die Schöpfer ihrer Songs.

 

 

Genau das machten auch die beiden Leadsänger am Abend. Kai Werth, der nicht nur genial und originell die Tasten bedienen kann, wollte nicht klingen wie Al Jarreau in »Mornin Dance«, der erzählt, dass es ihm heut super geht. Nie geht es dir so, wie einem anderen, auch wenn alles top ist. Warum es also auf diese Art versuchen? Am Original kann man nur scheitern. Das tut Kai nicht, wenn er auch sicher sein konnte, dass eine Vielzahl der Besucher nicht unbedingt vertraut ist mit den Songs, da sie doch in ihrer Vielzahl dem breiten Publikum weniger bekannt sind.

Und dann war da natürlich noch Donniele Graves aus North Carolina. Nun reiste sie nicht extra aus Fayetteville im Cumbercountry der USA zu diesem Gig an, sie lebt seit geraumer Zeit in Saarbrücken und macht immer wieder auf sich aufmerksam, nicht nur in Elmar‘s Band.

Afroamerikanische Musiker haben immer etwas erhabenes, wenn sie auf der Bühne stehen. Donniele wirkt bescheiden, so als möchte Sie Dir sagen, sie sei ja im Grunde nichts besonderes. Aber weit gefehlt! Ihre Lässigkeit war beeindruckend. Sie stellte nie ihre Genialität in den Mittelpunkt, überzeugte stattdessen damit, dass sie weiß was sie kann, versteht dem Publikum es zu zeigen und das ohne plastische Attitüden zu verwenden. Unaufgeregt aufregend.

 

Der proppenvolle Rathausplatz wusste dies zu goutieren. Wie zu erwarten war das Publikum schon eher im mittleren Lebensabschnitt angekommen. Die wilden Jahre sind vorbei, die Erinnerungen daran wurden aber immer wieder auf‘s Neue entfacht. Manch einer erweckte zu neuer Blüte, ähnlich einer Königin der Nacht, die den hellen Tag meidet und ihre Schönheit nur der Dunkelheit preis gibt. Und so dauerte es auch bis zum Schluss ehe die Gemeinde zum Schwof ansetzte. Der Graue Burgunder hatte somit seine Wirkung nicht verfehlt.

 

Bleibt noch Danke zu sagen. Danke an die Frauen und Männer des SV Blau-Weiß Oberthal, die stets das gekühlte Nass im Auge hatte, so dass auch die Stimmung nicht zu kurz kommen sollte. Danke auch an alle Besucher, obgleich diese dem Ereignis schon entgegen fieberten, wenngleich sie aber auch mit dem Stil etwas fremdelten, sie erschienen in Scharen. Das Event will niemand mehr verpassen. Ein Merkmal für Qualität!

Einen besonderen Dank auch an die Freunde der Kultur im Oberthaler Rathaus, die jedes Jahr für einen spannenden und elastischen Abend auf dem Vorplatz sorgen. Zu ihnen zählt auch der erste Bürger - im übrigen glänzend vertreten durch den Beigeordneten und Ortsvorsteher des schönsten Dorfes der Welt - der jedoch leider nicht teilnehmen konnte. Wünschen wir ihm von dieser Stelle aus gute Besserung und ein funktionaleres Knie für die nächste Ausgabe.

 

Zu guter Letzt dem Herrgott in all seiner Güte. Das Wetter hätte besser nicht sein können. Wenn Dir also so viel Gutes widerfährt, ist das schon eine Wiederholung wert. Bald feiert Güdesweiler ja 800 Jahre. Warum sollten wir sie dort nicht wiedersehen ...

 

Text: Alexander Scheid

 

 

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