Wenn die Lebkuchen im September schon in die Regale wandern

Gemeinde Oberthal

Alle Jahre wieder ...

Ein Nachruf ohne Widerhall!
Heute war der erste Werktag eines bedenkenswerten Monats. Heute war kein Tag wie jeder andere. Heute begann ein alljährlicher Wahnsinn biblischen Ausmaßes, denn heute vor 20 Jahren stellte kein Geringerer, als der Kaiser höchstselbst, die Frage aller Fragen: »Ja, is den heut scho Weihnachten?« Aber

 

heute war erst der 6. September. Warten wir ab was noch kommen wird!
Der September ist schon ein kuscheliger Monat, leitet sich sein Name doch von der Anzahl Sieben ab, was früher bedeutete, dass er der siebte Monat des Jahres war. Zumindest im römischen Kalender und bis ins Jahr 450 vor Christi. Zudem beginnt in ihm der Frühling. Zumindest südlich des Äquators.
In unseren Gefilden beginnt im Monat September bereits die Weihnachtszeit. Zumindest wenn man sich nach den Vorstellungen des Einzelhandels richtet. Pünktlich zum Beginn überschlagen sich regelmäßig die Ereignisse.
Während wir das Krachleder und Dirndl aus der Kleiderkiste hervorkramen um uns endlich am bajowarischem Frohsinn zu berauschen, um, man höre und staune, im September das Oktoberfest zu feiern, will uns die Industrie einreden wir bräuchten schon Spekulatius.
Sah man noch gestern den Nachbarn mit Sandalen und Tennissocken im Garten schweißgebadet Fett verbrennen, indem er den Grill anschmeißt, oder wer es unbedingt mondäner möchte, die braungebrannten Anbeter der Sonne über dem Schlossplatz flanieren, er schick im Camp David Polo und sie stolz in Manolo Blahnik, so denkt der gemeine Karstadter nur darüber nach, ob der Christbaum der schönste Baum ist, den wir im Leben kennen.
Aber von einem Tag auf den anderen kam der Befehl vom ALDI Marktleiter Steffen F.: »Fünf Paletten Lebkuchen in den Eingangsbereich!«. In Zeiten von WhatsApp machte alles sofort die Runde und als nächster reagiert MINIMAL-Geschäftsführer Martin O. - eher halbherzig - aber immerhin mit einem erweiterten Kerzensortiment und Marzipankartoffeln an der Kasse. Nach der Mittagspause operiert EDEKA-Marktleiter Wilhelm T. bereits mit Lametta und Tannengrün in der Wurstauslage.
KAUFHOF macht jetzt richtig Dampf. Vor den großen Eingangstüren bezieht überraschend ein Esel mit Rentierschlitten Stellung, während zwei Weihnachtsmänner vom studentischen Nikolausdienst vorbeihastende Schulkinder zu ihren Weihnachtswünschen verhören.
Da mögen Herr PEEK und Frau CLOPPENBURG nicht hinten anstehen, setzen sich ne Schweißerbrille auf und bugsieren den CEE Stecker mit Nachdruck in die Kupplung. Für einen kurzen Moment beten sie zu Heidi Kabel, der Schutzpatronin der Elektroinnung, sie möge doch bitte für ausreichend Sicherung sorgen, als just in jenem Moment 264.952 LED-Kerzen das Licht der Welt erblicken.
Die geschockte Konkurrenz kann zunächst nur ohnmächtig zuschauen und Frau C. von der Käsetheke beim LIDL wünscht wie benommen den ersten Kunden bereits »Frohes Fest«, während die Schlemmerabteilung von REAL für den Nachmittag Vergeltungsmaßnahmen ankündigt.
Kurz vor Ladenschluss vermeldet die Polizei über den Rundfunk, dass mehrere Rentner im Christbaumwald der METRO verschwunden sind. Sachdienliche Hinweise bitte an örtliche Polizeidienststelle. Die Lage verschärft sich zudem, als Mitarbeiter von DHL irrtümlich den Kunstschnee bei flachem Südwind entluden, der direkt in Richtung Wald wehte. Nun spricht die Polizei schon davon, dass das THW die Evakuierung übernehmen wird, während die Feuerwehr mit der Brandrodung beginnen soll.
Am nächsten Morgen liegen Amtsrichterin Cornelia J., bereits vor dem Frühstück, die einstweiligen Verfügungen von PENNY und NKD vor. Aufgrund von Lieferschwierigkeiten könnten deren Termine nicht gehalten werden und sie fordern ein Weihnachtsstillstandsabkommen bis zum 18. Oktober. Die Richterin lehnt ab und hört zu Feier des Tages die neue CD »Heilig Abend mit den Flippers«, die sie am Abend zuvor in der Auslage von ROSSMANN in Oberthal noch schnell gekauft, da sie hörte, dass dieser bald schließen werde.
Über ein Megaphon fordern beide Märkte die Konkurrenz zu Verhandlungen auf und drohen damit die Amigos mit den Wildecker Herzbuben bis Silvester zu engagieren, was die Anwohner der Hauptstraße in den Untergrund treibt. Die Gespräche unter allen Beteiligten bleiben bisweilen ohne Ergebnis.
Die Lage eskaliert vollkommen als ein TENGELMANN-Sattelschlepper mit Pfeffernüssen den Posaunenchor »Adveniat« rammt, der gerade vor dem Rathaus zum großen Weihnachtsoratorium ansetzen wollte und den rüstigen Rentner Erwin H. in seinem Flak-Scheinwerfer Marke »Varta Volkssturm« stürzte, der vorgesehen war, den Stern von Bethlehem an den Himmel zu zeichnen. Womit nun auch geklärt wäre, wie es zu den Versorgungsengpässe innerhalb der städtischen Stromversorgung kommen konnte.
Die Fronten verhärten sich und die Strategien werden zunehmend aggressiver.
Auf einem Polizeirevier meldet sich die Diabetikerin Anna K. und gibt zu Protokoll, sie sei soeben auf dem MINIMAL-Parkplatz zum Verzehr von Glühwein und Christstollen gezwungen worden. Die Beamten sind ratlos.
IKEA hat noch immer nicht genug und beschießt die Einkaufszone mit Schneekanonen. Das Ordnungsamt mahnt die Räum- und Streupflichten einzuhalten. Sonst drohen Strafmaßnahmen. Umsonst! Teile des Stadtbezirks sind unpassierbar. Der Hilfspolizei Ronald M. ordert via Fax zusätzliche Bögen rosafarbener Knöllchen, um die Kraftfahrzeughalter wegen unzulässiger, weil jahreszeitlich undienlicher, Bereifung zu melden.
Währenddessen sind die vermissten Rentner wieder aufgetaucht. Sie hatten leider Gottes kein Kind im Ohr, weshalb sie die Suchaktion schlicht überhörten, während sie proseccoschlürfend an der Bar der Feinkostabteilung im IKEA damit beschäftigt waren die Köttbullar in den Espresso zu tunken.
Zu guter Letzt setzt der Katastrophenschutz Hubschrauber ein, die sie zuvor bei der Air Force in Ramstein gebucht hatten, weil die Luftwaffe damit beschäftigt war, die nächste Frontkita am Hindukusch mit veganen Kuscheltieren zu beliefern, um die Gefahrenzone zu evakuieren, in die wir nur geraten sind, weil wir noch einmal an einem schönen Septembertag durch die City schlendern wollten.

 

Text: Alexander Scheid

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Schdani (Samstag, 07 September 2019 10:59)

    Man könnte sich da fragen, warum die Sachen erst im September in die Regale kommen. Erdbeeren und Trauben gibts ja auch fast das ganze Jahr und Weizenmischbrot sowieso. Man kann auch im Sommer gut mit Winterreifen fahren, meinte tatsächlich mal ein Autohändler, der es ja wissen muß! Und wird nicht Fußball und Handball und Tennis usw. auch sonntags gespielt? Was ist dann noch Sonntag?- 6 Tage sollst du arbeiten, am 7. aber ruhen, und Gott, dem Dreifaltigen, die Ehre erweisen.

    Man kann feststellen: die christlichen Feste, die gibts noch und sind für die Allgemeinheit arbeitsfreie Tage, werden aber mit komplett anderen, auch unchristlichen Inhalten "gefüllt" bzw. verbunden und auch kommerzialisiert.
    Wenn "verkaufsoffener Sonntag" ist, vermisst man regelmäßig ein Wort von Geistlichen dazu, nämlich bspw. nicht einkaufen zu gehen, was ja kein Opfer soz. wäre. Hat die Woche nicht 6 Tage? Ja, auch die Kirche hat ihr nine eleven (11. Sept.) wie Erzbischof Gänswein es formulierte und nicht nur einen, sondern viele.

    Wie der Sonntag weithin kein Tag der hl. Messe, des Gebetes, der Andacht usw. ist, so wird auch Weihnachten kommerzialisiert und mißbraucht.

    Heute ist die Zeit von Christen wie man immer wieder lesen kann, entweder wirklich oder gar nicht, aber nicht das Laue und Geziehrte und Verweltlichte.
    Buchtipp, Rod Dreher: Die Benedikt-Option.





  • #2

    Hilli (Sonntag, 08 September 2019 12:42)

    Lieber Alex,super geschrieben komme aus dem Lachen nicht mehr raus,aber genau so ist es,warte auf die Lebkuchenbrezel bei Edeka,an der Kirmes liegen seit Jahren die ersten im Regal.Mit de Amigos und den Wildecker bin ich einverstanden wenn sie am Hecker Weihnachtsmarkt 23 November spielen,schau mal rein bei uns.Ich freue mich auf weitere Berichte von dir