Güdesweiler Erinnerungen Teil 4.........

Gemeinde Oberthal

 

In ganz früheren Zeiten vor und nach der Jahrhundertwende haben die Bauernbetriebe das ganze Jahr im Sommer wie im Winter voll zu tun gehabt. Es wurde ja auch damals die Ernte - Roggen, Weizen, Hafer - in die Scheune gefahren, und wenn die Arbeit auf dem Feld beendet war, ging es mit dem Dreschen an. Jeder Bauer hatte ja seine Dresch­maschine. Da gab es aber keinen Strom, wo man auf den Knopf drücken konnte. Da war im Hof ein Göpelwerk mit Zahnrad­transmissionen nach innen an die 

 

Dreschmaschine verankert. An diesem Göpelwerk waren zwei Deichseln; es wurden zwei Pferde oder vier Kühe davor gespannt, und los ging's im Kreise herum. Die Tiere mußten gut angetrieben werden, damit die Schnelligkeit an der Maschine herauskam.

 

Was Kleinbauern waren, die sich diese Technik nicht leisten konn­ten, haben eine von Hand gedrehte Maschine gehabt oder haben das Ge­treide gedroschen mit Dreschflegeln. Wenn die Kinder noch klein wa­ren, hat der Mann alleine mit der Frau gedroschen. Waren die Kinder dann groß, mußten die mithelfen, und dann gings zu vieren. Hier mußte auch der Takt eingehalten werden, da ging's im Dreier- und Vierer­takt.

Wenn es Zeit war, das Mittagessen zuzubereiten, war die Frau gefordert. Es wurde damals auch nicht so überschwenglich gekocht wie heute. Es gab nur zweimal Fleisch in der Woche oder auch nur einmal aus eigener Schlachtung. Je nachdem, wie die Familie gestellt war, konnte man sich nur ein Schwein schlachten, wogegen Bauern drei bis vier Schweine schlachte­ten und auch einen oder zwei Ochsen.

 

Es hatte ja auch jeder eine Sauerkrautbütte, aus Sandstein gehauen, im Keller, und da wurde Sauerkraut und Kappes eingelegt für das ganze Jahr. So bestand die Kost aus eigenerzeugten Produkten. Abends gab es gewöhnlich Pellkartoffeln mit Lauchtunke und Süß- oder Sauermilch. Das Brot wurde ja auch selbst gebacken, und als Brotaufstrich gab es Latwerg oder sonst gekochte Marmelade. Butter und Käse wurden nach St. Wendel zum Markt getragen und verkauft.

 

Selbst die Bauern lebten nicht üppig, sondern verkauften auch alles auf dem Markt. Das schwierige dabei war: die Ware wurde in einen Kartoffelkorb getan, und zu Fuß ging es, den Korb auf dem Kopf, bis nach St. Wendel und zurück.

Von dem Erlös der Ware wurden dann Kleider und Schuhe gekauft für die Kinder, deren es ja genug in den Familien gab. Acht bis zehn, sogar noch darüber hinaus, waren in jeder Familie.

 

Wenn im Herbst die große Ernte verkauft war, wurde groß ein­gekauft, Anzüge, Kleider und Schuhe. Auch die Ackergeräte gingen im Laufe der Zeit kaputt, und sie mußten neu gekauft werden. Es war aber auch so: die Bauern waren im Durchschnitt sehr geschickt und haben ihre Geräte selbst angefertigt, so daß sie nur die Ersatzteile zu kaufen brauchten. Das wurde alles im Winter gemacht.

 

Wenn es ein großer Bauer war, hatte er eins bis zwei Dienstboten (Knechte und Mägde), und die mußten ja auch beschäftigt werden. Des weiteren war es so, daß im Sommer weitere Hilfskräfte eingestellt wur­den, Frauen und Männer, die neben ihrer Schicht den Bauern halfen. Diese Arbeit wurde meistens mit Naturalien bezahlt oder durch Fuhrlohn, wo der Bauer eins bis zwei Feldstücke für sie beackerte oder Holz und Kohlen von der Grube anfuhr. Es mußte ja alles schwierig herbeigeschafft werden.

 

Eine Eisenbahn gab es erst über St. Wendel-Namborn in den Jahren 1870-1875. In Hofeld wurde eine Güterentladestelle eingerichtet, und die Fuhrwerke, ob Kuh- oder Pferdegespann, mußten alles von Hofeld abfahren. Als Kinder wollten wir dann immer mitfahren. Aber nur eines oder zwei konnten mitfahren.

 

In Hofeld oder in Namborn wurde oft an einer Wirtschaft haltgemacht, um ein Frühstück oder Vesper zu machen. Für Kinder war das immer ein Erlebnis. Auch wenn die Eltern oder der Onkel nach St. Wendel auf den Markt gingen, brachten sie eine Pfundstüte Kandiszuc­ker, der noch in Schnüren aneinanderhing, mit. Der mußte dann aus­reichen für eine Woche. Wenn man das heute den Jugendlichen erzählt, dann ist das nicht wahr. Als Kind kam man so gut wie gar nicht nach St. Wendel. Viele alte Leute sind gestorben und hatten St. Wendel nicht gesehen. Es mußte ja auch alles zu Fuß gemacht werden.

 

Es wurde erwähnt, daß die Bauern immer Dienstboten beschäftigen mußten. Es waren auch bei großen Bauern Dienstboten, die auf Dauer beschäftigt wurden. Diese konnten sich dann ein kleines Häuschen bauen. Der Bauer hat das Grundstück gestellt und gewöhnlich noch das Baumaterial. Die Häuschen waren im Grundriß nur 5 x 6 m und ein Stockwerk. Es gab dann eine Küche und zwei Schlafkammern. Waren mehrere Kinder da, dann wurde unterm Dach noch eine Kammer eingerichtet zum Schlafen.

Trotzdem war es früher bei den meisten Kleinbauern üblich, daß nur ein kleines Haus gebaut wurde, ganz gleich, wie groß die Familie war. Da schliefen drei bis sechs Kinder in einem Raum. Die Kinder der Dienstboten mußten dann auch beim Bauern schon zupacken. Zu der früheren Zeit gab es kein Jugend(schutz)gesetz. Sobald die Kinder etwas anfassen konnten, mußten sie ran.

 

Die Dienstboten konnten sich bei den größeren Bauern selbst Vieh halten, gewöhnlich zwei bis drei Geißen, Hühner und Gänse. Die wurden dann im Hofschuppen des Bauern untergestellt. So lebten die Dienstboten arm, aber friedlich ein Leben lang. Vor dem ersten Weltkrieg gab es zwei Fahrräder im Ort. Das erste hatte Nikolaus Bick, der auf die höhere Schule ging nach St. Wendel, sonst ist er zu Fuß nach Namborn gelaufen zur Bahn. Das war immer ein weiter Weg und kostete Fahrgeld, das wollte man sparen. Bick Nikolaus ist im ersten Weltkrieg gefallen.

 

Das zweite Fahrrad hatte Johann Backes (Henz Johann). Die weiteren Fahrräder gab es dann nach dem ersten Weltkrieg. Als die Buben aus dem Krieg nach Hause kamen, kamen die Fahrräder in Mode. Die Buben waren stolz, ein Fahrrad zu besitzen und hielten die Räder wie ein Heiligtum in Ehren. Ein Fahrrad hielt damals 15-20 Jahre. Heute hält ein Fahrrad bei den Kindern noch kein Jahr mehr. Das Geld wurde früher auch sehr zusammengehalten, denn man mußte sehr lange sparen, damit man sich etwas kaufen konnte.

Heute fliegt das Geld wie Schneeflocken weg. Es wird mehr verdient, aber auch übermäßig ausgegeben. Als die Buben endlich ihre Räder bekamen, da gab es auch Fahrradvereine. Es wurde dann geübt im schnellen Fahren, und endlich kamen die Fahrradrennen. Die Fahrradfeste rissen nicht mehr ab. Jeder wollte Rennen fahren. Es war aber wie allgemein üblich, der eine begreift es leicht, und der andere nie.

 

So trug es sich zu, daß ein Bub, es war der Schneider Franz, mit seinem Fahrrad in Richtung Namborn unterwegs war, die Leute gingen zur Kirche nach Namborn. Es waren vier alte Leute, die nebeneinander auf der Straße gingen, und der Franz holte sich zwei Frauen, die in der Mitte gingen, aufs Korn und fuhr sie nieder. Gott sei Dank, es war neben Hautabschürfungen und zerrissenen Kleidern nichts passiert.

 

Ich selbst hatte drei Brüder, die älter waren als ich. Der älteste, der Johann hieß, kam 1919 im Oktober aus dem Krieg. Er war in französischer Gefangenschaft. Auch die anderen Freunde waren alle aus Gefangenschaft gekommen. Da wir viel Platz beim Hause hatten, da hat sich das gesellschaftliche Leben bei uns abgespielt. Es gesellten sich auch Mädchen dazu, und es war oft ein lustiges Treiben. Als Musikinstrument diente damals die Mundharmonika. Die wurde von manchen Buben gut beherrscht. Wenn Mädchen dazu kamen, wurde in der Scheune auf dem Lehmboden tanzen gelernt.

 

 

In den vier Jahren Krieg war ja keine Möglichkeit, tanzen zu lernen. Es war auch keine Zeit. Die Männer und Buben waren im Krieg, und die Frauen und Mädchen mußten die Landwirtschaft betreiben. Richtige Musiker waren es ja wenige. In einem Umkreis von 10 km waren vielleicht zehn Musiker aufzutreiben. 

Von meinem Onkel war zu erfahren, daß vor dem Krieg die Musiker in einem Dorf aufgespielt haben und dann ins nächste gingen und dort aufspielten. Die Tanzenden haben mit Gesang weitergetanzt. Wie ich durch ein Bild in Erfahrung bringen konnte, gab es in Steinberg-Walhausen eine kleine Dorfmusik.

In dem Jahre 1922, als das gesellschaftliche Leben wieder in Gang kam, da gab es im Dorf auch Musikanten. Im Jahre 1921, ich war gerade aus der Schule, gründete Peter Marx, der spätere Dirigent des Saarknappenchores, einen Mandolinenclub. Es waren acht an der Zahl, und ich als Jüngster war auch schon dabei. Es wurden in mühevoller Arbeit und von Ersparnissen Instrumente angeschafft, Mandolinen und Gitarren. Ich bekam von meinen Brüdern Johann und Jakob, die in der Grube Geld verdienten, eine Mandoline und eine Geige.

Peter Marx und Jakob Schneider (Hecker Jäb) hatten ihre Instrumente schon etwas früher gekauft und lernten in St. Wendel bei einem Musiklehrer namens Brecher Musik. Ihr Gelerntes trugen sie dann auf die andern über. Es war eine mühevolle Arbeit, auf diese Weise Musik zu lernen. Nach einem halben Jahr war es schon so weit, daß wir acht Mann in der Gruppe spielten.

Ein Jahr später wurden dann Wanderungen mit Mandolinenmusik gemacht. Die Instrumente wurden reichlich mit bunten Bändern geschmückt, und sonntags in aller Frühe ging's durch Wald und Flur. Auch wanderten wir durch die Dörfer und machten Touren bis zu 20 oder 25 km. Wenn wir dann durch die Dörfer zogen mit klingender Musik und Liedern, da gingen alle Fenster und Türen auf.

Im Jahr 1923 kauften wir uns Blasinstrumente und lernten Blasmusik. Diese Blasmusik lehrte uns damals der Militärmusiker Jakob Krämer, damals schon 45 Jahre alt. Er blies Trompete und spielte auch Querflöte. Er war ein Musiker von Format.

In kurzer Zeit hatten wir auch das begriffen, und die Blaskapelle war perfekt. Nicht zu vergessen, der Tubabläser war auch schon etwas älter, es war Nikolaus Mailänder (Trapps Geis). So war unser Dorf Güdesweiler mit Musik versorgt. In Namborn war schon zwei Jahre früher eine Blaskapelle gegründet worden, die sehr gut war.

Im Jahr 1913 kam ich in die Schule. Es waren sieben Mädchen und sechs Buben. Unsere Lehrerin war damals Fräulein Recktenwald. Als Kinder hatten wir vor dieser Lehrerin große Angst. Sie war im Schlagen mit dem Stock unbarmherzig. Ich wurde einmal so geschlagen, daß man mich zum Arzt bringen mußte.

Der Anlaß war, meine Ohren waren blau und schwarz von Tage zuvor von ihr verursachtem Ohrenquetschen. Sie sagte, es wäre Schmutz in den Ohren, und daraufhin wurde ich so geschlagen. Es ging mir nicht allein so. Alle Kinder wurden so mißhandelt. Der damalige Lehrer hieß Peter Meier. Die Schule hatte er 1907 übernommen.

Im Jahre 1914, am 2. August, begann der erste Weltkrieg. Große Bestürzung und Aufregung herrschte unter der Bevölkerung. Ich war damals sieben Jahre alt und kann mich noch gut an diese Zeit erinnern.

Die Männer mußten sich in St. Wendel stellen. Sie mußten zu Fuß nach St. Wendel gehen, weil die Eisenbahn über Oberthal erst 1915 in Betrieb ging. Die Frauen und Bräute der Männer gingen noch mit. Auch die größeren Buben liefen mit ihren Vätern. Teils war die Begeisterung groß und teils sehr bedrückt. Die Kaisertreuen, wie man sie damals nannte, wollten in vier Wochen den Krieg beendet haben, und nachher waren es vier Jahre und drei Monate.

 

Viele zogen fort, und viele kamen nicht mehr zurück. Große Trauer herrschte im Dorf, als die ersten Gefallenenmeldungen kamen. Der Ortsvorsteher der Gemeinde war damals Peter Bick, der Großvater vom heutigen Bernhard Bick, der überbrachte dann die Meldungen. Ich kann mich auch noch erinnern, daß der damalige Ortsdiener oder Ortsschütz mit der Dorfschelle die Kriegsmobilmachung bekanntgab. Es war der alte Lambert. Er wurde 96 Jahre alt. Sein Sohn, genannt die Lott, hat später den Dienst übernommen. Er hatte eine lahme Hand.

(Geschichts- und Heimatverein Oberthal)

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Interessierter (Donnerstag, 12 November 2020 16:12)

    Ein völlig anderes Leben, eine völlig andere Zeit und wie schwer dieses Leben gewesen sein muß! Sicherlich auch großer Zusammenhalt in den Familien und darüberhinaus.
    Wie sah es mit der Gesundheit aus, wie mit der Hygiene? - Es war normal.

    Vorstellen kann man sich das kaum. Und dabei sind es seitdem "nur" 100 oder 120 Jahre.

  • #2

    Bipode (Donnerstag, 12 November 2020 23:10)

    Der Bericht lehrt, einen kritischen Geist zu entwickeln.
    Nur mit brachialer Brutalität der damaligen Respektspersonen
    konnten die Untertanen zu willenlosem Kanonenfutter erzogen werden,die grausam im Ersten Weltkrieg ihr Leben lassen mussten. Einige dieser Schläger, die sich unberechtigterweise Lehrer nannten, trieben ihr Unwesen noch bis Anfang der 1970er Jahre.
    Der Hass gegen die, die heute Freunde sind, wurden von den damaligen Rattenfängern gesät.