Von Handwerkern aus früherer Zeit in Güdesweiler und Umgebung

Gemeinde Oberthal

 

Es gab alle Handwerker im Dorf, wenn sie auch nicht alle im Dorf wohnten. So gab es den Schirmflicker, der kam aus Oberthal. Er hieß Matthias Nagel. Er ging von

 

Haus zu Haus, sammelte die Schirme ein, hatte eine Hott am Buckel und 25 bis 30 Schirme drin. Wenn er sie geflickt hatte, brachte er sie wieder. Dessen Bruder war Scherenschleifer und Mes­serschleifer und ging auch von Haus zu Haus. Ein Siebmacher kam von Sitzerath, der hatte zehn bis fünfzehn Siebe aller Art und sein Werkzeug, um alte Siebe zu flicken, auf einem Handwägelchen, setzte sich in die Mitte des Dorfes in eine Bauernscheune und flickte den Bauern ihre Siebe. Die neuen Siebe, die er mitbrachte, verkaufte er bei Bedarf. Zwei bis drei Tage war er im Dorf und hat die Bauern wieder befriedigt mit Sieben. Es wurde das Getreide alle von Hand gesiebt, und in zwei Jahren war ein Sieb kaputt. Das waren schwere Strapazen für diese Handwerker, 25 Ki­lometer Fußmarsch über schlechte Wege und Pfade. Asphaltstraßen gab es ja erst Mitte der dreißiger Jahre.

Dann gab es noch den Klempner, genannt Potche, der kam auch von Sit­zerath und hatte dieselben Bedingungen wie der Siebmacher. Das Potche flickte Töpfe, Kessel, Eimer und was so anfiel. Desweiteren kam der Schuhnagelmann, der kam auch von Sitzerath. Der hatte eine Kastenhott, wo er die Schuhnägel drin hatte, es waren verschiedene Sorten, z.B. Frö­scheköpf, Knippcher für Absätze, sechseckige für die Mittelsohle. Dann hatte er noch Nähzeug wie Garn, Saule, Pech, fertige Nähahlen, die von Eberborsten vom Wildschweineber hergestellt wurden. Auch hat er kleine Schuhreparaturen ausgeführt, wenn kein Mann im Haus war. Die Kasten­hott mit Inhalt wog so 40 bis 50 kg, dann der 25-km-Fußmarsch. Ich weiß, im ersten Krieg war dieser Mann mal erkältungskrank geworden, und meine Mutter hat ihn vier Tage gesundgepflegt. Es mußte doch alles zu Fuß gemacht werden, und da konnte der Mann ja nicht zu Fuß gehen. Da bestand noch Nächstenliebe zwischen den Menschen.

So kam immer eine Frau aus Kaiserslautern; sie war Kriegerwitwe vom ersten Krieg und hatte sechs Kinder. Sie verkaufte Stoffe aller Art. Den Stoff hatte sie in ein Wachstuch in einen Ballen eingebunden und auf dem Kopf getragen. Es war ein Gewicht von 40 kg. Um vier Uhr fuhr sie von Kaiserslautern über Neunkirchen, St. Wendel nach Ober­thal und ging zu Fuß vom Bahnhof Oberthal nach Güdesweiler. In jedem Haus, das sie besuchte, wurde der Stoffballen aufgeschnürt, das eine oder andere Stück verkauft und wieder zugeschnürt, und weiter ging's von Haus zu Haus. Mit welcher Energie die Leute früher ihr Brot verdienen mußten, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, trotzdem man hat es selbst erlebt.

Wie schon erwähnt, gingen die Leute zu Fuß nach St. Wendel. Da hat ei­ner für den anderen Besorgungen gemacht, außer wenn man zu den Be­hörden mußte, was ja selten war. Aber Einkäufe von kleiner Art hat der Nachbar erledigt. Arzneimittel wurden auch aus der Apotheke mitge­bracht. Es gab bis nach dem ersten Weltkrieg nur eine Apotheke in St. Wendel, die Lohmann-Apotheke, und sonst keine im ganzen Kreis. Heute ist fast in jedem Ort eine Apotheke. In der Kreisstadt sind es zwölf. Die Bevölkerung ist ja heute auch richtig medikamentenabhängig.

Früher waren die Menschen auch viel hilfsbereiter zueinander als heute. Was wurde früher an Gemeinschaftsarbeit geleistet! In der Gemeinde wurden doch alle anfallenden Arbeiten in Fronarbeit ausgeführt. Die Wege wurden ausgebessert oder ganz erneuert. Die Leute, die Fuhrwerke hatten, haben das Steinmaterial und Sand angefahren, und die, die kein Fuhrwerk hatten, haben auf- und abgeladen und eingebaut. Wir haben ja schon immer den Feldspatbruch gehabt, und dort wurde das Material geladen. Es wurden so als Feldwege von einem Kilometer in einem Jahr gemacht. Ausgebessert wurden auch die Hauptstraßen von einem Ort zum anderen. Dann fiel jeden Winter das Schneeräumen an. Es gab kei­nen Winter ohne Schnee, und der fiel oft bis einen halben Meter hoch.

So war es auch beim Häuserbauen. Da stand nie einer allein. In den Steinbrüchen waren immer vier bis sechs Mann, die dem Bauherren ge­holfen haben, die Steine für das Mauerwerk zu brechen oder im Sand­bruch Sand zu graben. Das Material mußte ja auch mit Fuhrwerken an die Baustelle gefahren werden. Das Anfahren wurde meistens montags gemacht. Da fuhren als zehn bis zwölf Fuhrwerke und zehn bis fünfzehn Männer, die im Steinbruch und an den Baustellen abluden.

Die Bauher­ren haben auch, wenn sie ihr Haus fertig hatten, den Fuhrleuten in ihrer Landwirtschaft im Sommer zurückgeholfen im Arbeiten. So war es auch im Gemeindewald. Da wurde durch den Förster ein größerer Wald in kleine­re Waldschläge eingeteilt, und die, die Holz brauchten, haben es für we­nig Geld zugeteilt bekommen. Die Leute haben, so sie auch Kohlen zur Verfügung hatten, doch noch Holz brennen müssen. Das Holz wurde bis zum kleinen Reisig restlos aufgebraucht. So hat hier auch einer dem an­dern geholfen. Es gab aber auch einige, die nicht zu Helferarbeiten zu bewegen waren. So hat eine Frau, die ein Bauer ansprach, um in der Ernte zu helfen, geantwortet: "Jä, Peder, eich kann deer net helfe, eich käfe mei Brot jo beim Bäcker."

Es gab auch Zwistigkeiten bei den Grundstückseigentümern wegen der Grenzen. Als auch zwei Streithähne mit der Grenze nicht einig wur­den, haben acht Bergleute beschlossen, die Grenze zu lösen. Sie gingen des Nachts, von der Mittagsschicht kommend, nach Hause, holten Hacke und Schaufel, gingen zu den Grundstücken hin und hoben 50 Meter lang einen Graben aus, und somit haben sie ihre Grenze gesehen, und der Grenzstreit war behoben.

 

So hat man ja auch Leute, mit denen man den Jockel macht. So hat ein Mann sich gerühmt, wie gut er säen kann auf dem Feld. Seine Kollegen haben es immer abgestritten. Eines Tages nahm er ein Säckchen Hafer mit auf die Grube, er war Bergmann, und früher waren die großen Ze­chensäle, in denen die Bergleute vor dem Einfahren verlesen wurden, gut geeignet, seine Säkunst zu zeigen. Er hing den Säsack um und säte im Verlesesaal den Hafer aus. "Seht ihr, daß ich säen kann." Von diesem Moment an war er der "Grube-Sämann", bis er gestorben ist.

 

Aus Franz Wills Erzählungen ,,Güdesweiler Erinnerungen", vom Geschichts- und Heimatverein Oberthal

 

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